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Der König der Zahlen |
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Der König der Zahlen ist der Herrscher über unglaublich viele Zahlen. Er ist den ganzen Tag damit beschäftigt, seine Untertanen zu immer größeren Zahlen zusammen zu stellen. Dabei hat er sein eigenes Geheimnis, das nicht jeder Fremde sogleich erkennt. Gerade mal zehn Familien leben in seinem Reich! Wirklich? Doch, es ist wahr. Mit den zahllosen Mitgliedern dieser Familien bestreitet er sein ganzes Werk. Erleichtert wird ihm die Arbeit, weil schon einer seiner Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Urgroßväter Familienuniformen eingeführt hatte, die bei jedem öffentlichen Anlass getragen werden müssen. Und so schauen die Mitglieder der unterschiedlichen Familien seitdem bei ihren Auftritten aus: 2, 7, 4, 0, 5, 9, 1, 3, 6, 8. In seiner Burg gibt es einen riesigen Platz, auf dem ganze Armeen von Zahlen zu finden sind. Der König steht jeden Tag auf einem kleinen Balkon, der hoch über dem Platz ist. Von dort kann er alles ganz genau beobachten. Dann gibt er Anweisungen, wie die verschiedenen Zahlen sich zusammen stellen sollen. Trotz des ganzen Getümmels kann der König auf grund der Uniformen leicht den Überblick behalten. Nicht auszudenken, welches Chaos sonst herrschen würde. Manchmal bekommt der König Besuch von Rechenzeichen aus einem befreundeten Nachbarreich. Dann macht es ihm besonderen Spaß, sich lange Rechenaufgaben auszudenken. Manchmal ordnet er dabei an, dass die Zahlen besondere Kunststücke ausführen sollen: Wenn er große und viele Zahlen an einer Plus-Aufgabe beteiligt, verlangt er von ihnen, sich ganz hoch aufeinander zu türmen. Er käme sonst beim Ausrechnen doch zu sehr ins Schwitzen und das würde nicht zu seiner königlichen Würde passen. Es sieht immer sehr witzig aus, wenn eine dicke 0 versucht, nach ganz oben zu klettern. Die dünne 1, die so dünn wie ein Strich ist, hat fast nie Schwierigkeiten, irgendwohin zu kommen. Die 5 und die 7 haben bei allen die beliebtesten Formen, weil man auf ihnen so gemütlich stehen kann. Die 9 hingegen halten alle für ziemlich eingebildet. Sie redet immer so geschwollen, weil sie sich für besonders wertvoll hält. Wenn der König mit einer Rechenaufgabe zufrieden ist, schickt er sie auf die Reise. Diese Rechenaufgabe soll dann in der Schule in den Schulbüchern auftauchen. Oder sie soll sich jemanden suchen, der sie lösen kann. Der König stellt aber auch immer neue Zahlen zusammen, um zu testen, ob die Kinder diese Zahlen schon kennen. Wenn sie heraus gefunden haben, was für eine Zahl sich der König ausgedacht hat, macht er sich sofort wieder an die Arbeit. Er versucht dann ganz eifrig, eine neue, noch größere Zahl zu erfinden. Für heute hat der König sich etwas ganz besonderes vorgenommen. Er will den Kindern einer dritten Klasse eine neue Zahl schicken. Eine, die er bislang noch nicht geschickt hat und die größer ist als die letzte und die ihm besser gefällt. Die letzte Zahl, die er den Kindern geschickt hatte, war die 789 gewesen, aber die war ihnen schnell langweilig geworden. Es ist ein sehr heißer Tag. Der König schwitzt ganz gewaltig unter seinem roten Mantel, der über und über mit Zahlen aus echter Seide bestickt ist. Er kommt mit seinem Vorhaben so gar nicht voran. Die anwesenden Zahlen haben heute alle keine Lust oder sind mit sich selbst sehr beschäftigt. Fast jede hat einen wichtigen Auftrag und steht nicht zur Verfügung. Und die neuen Zahlen, die von überall her an den Hof kommen sollen, um dem König bei der Arbeit zu helfen, werden erst für morgen erwartet. Der König will aber unbedingt heute noch die neue Zahl auf die Reise schicken. Er wird auch dauernd gestört. Zum Beispiel, weil er einen Streit zwischen den Zahlen schlichten muß. Oder weil eine Zahl ein dringendes Problem hat, was vom König gelöst werden muß. Denn auch das sind die Aufgaben des Königs. Immerhin, eine Zahl hat er bis jetzt überredet, bei seinem Projekt dabei zu sein. Die dünne 1 will wohl mitmachen, wenn sie an erster Stelle stehen darf. Bester Laune ist sie nicht gerade. Eigentlich wäre heute ihr freier Tag gewesen. Gerade überlegt sich der König, wie er weiter machen könne, als ihn schon wieder jemand stört. Vor dem König steht eine ziemlich dicke, in sich zusammen gefallene, arg kleine 0, mit einem ganz traurigen Gesicht. „Aber, was hast du denn?“ fragt der König erschrocken. Die 0 macht ein noch viel traurigeres Gesicht und antwortet schluchzend, dass sie fort von der Burg wolle, weil sie keine große Hilfe für den König sei. „Ich bin doch nur eine Null und nichts Wert. Meine Uniform ist schäbig. Ich bin nicht so groß, wie eine Neun und auch nicht so beliebt, wie eine Fünf. Du, König, kommst besser ohne mich aus!“ Der König ist ganz bestürzt, und schaut nachdenklich auf seinen großen Platz, auf dem die anderen Zahlen fleißig arbeiten. Plötzlich strahlt er über das ganze Gesicht, nimmt die 0 in den Arm und zeigt mit seinem Finger auf den Platz. „Schau doch mal! Siehst du die vielen Zahlen, die hier gebildet werden? Schau mal, wie viele Nullen unter ihnen sind. Jede Zahl ist wichtig! Was wäre die Zehn ohne die Null? Und die Hundert erst mal! Nicht mehr wert als die Eins!“ Die 1, die in der Ecke steht, hustet gekränkt. Die 0 guckt schon gar nicht mehr so traurig. „Und,“ fährt der König fort „um dir eine besondere Freude zu machen, darfst du sogar bei meiner neuen, tollen Zahl dabei sein. Hast du Lust?“ Jetzt strahlt die 0 übers ganze Gesicht und reckt und streckt sich zu voller Größe. „Na klar hab ich Lust.“ „Sag mal, hast du nicht noch zwei nette Schwestern?” fragt der König, der auch ganz glücklich wird. „Ich könnte gut noch zwei wie dich gebrauchen.“ Die 0 flitzt schnell los, so schnell wie eben eine dicke 0 flitzen kann und holt erst eine 0 und dann noch eine 0. Der König ist sehr zufrieden und schickt folgende Zahl auf den Weg: 1000.
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Institut für Kognitive
Mathematik - Universität Osnabrück zmo@mathematik.uni-osnabrueck.de |
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| Letzte Änderung: 8. Januar 2001 |