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-3. Sommerakademie-
"Kognitive Mathematik"
zu
Mathematischen Denk-, Lern-, Lehrprozessen

Presse 2004

Audimax, Ausgabe 01/2005:

Wenn der Professor ein Wort besonders betonen will, dann legt er Daumen und Zeigefinger zusammen, so, als ob er ein Kreidestück hielte. Dann spitzt er die Lippen. In diesem Moment heißt das Wort: „Qualität“. Elmar Cohors-Fresenborg spricht es aus und setzt ein breites Lächeln auf. Er meint: Qualität der Lehrer. Es gibt zu wenig gute von ihnen, sagt der Mathematiker. Deswegen will der Autor der PISA-Tests in fünf Tagen 24 absolute Spitzenschüler aus ganz Deutschland für den Pädagogen-Job begeistern.
Das Haus Ohrbeck liegt an einem Waldrand in Georgsmarienhütte-Holzhausen, ein kleiner Ort wenige Kilometer südlich der niedersächsischen Stadt Osnabrück. Es ist ein Kloster. Im Keller, das ist der Tagungsraum, versammeln sich einige der notenbesten Schüler aus ganz Deutschland. Es ist 14.41 Uhr. „Bis gleich“, verabschiedet Elmar Cohors-Fresenborg die Schüler zur Kaffeepause. Eigentlich sollte sie eh und je schon nur 30 Minuten dauern. Cohors-Fresenborg hat aber wieder mal überzogen. Jetzt bleiben noch 19. „Wir haben Ansprüche“, sagt der Professor. Die Pennäler haben Kaffee und Kuchen nach elf Minuten auf. Sie nehmen ihre Plätze ein. Es war nicht die kürzeste Kaffeepause in diesen Tagen.
Es geht weiter: Frau Prof. Dr. Inge Schwank, ebenfalls Mathematikerin, referiert zum Thema „Funktionales versus prädikatives Denken“. Frau Schwank hat Aufgaben mitgebracht. Nur wenige der Schüler haben eine Note schlechter als „Zwei“. Manch Zeugnis zieren ausschließlich Einsen. Frau Schwank zieht eine Folie aus der Tasche. In der oberen Zeile steht „QuaDiPF C17“. Es ist der Name der Aufgabe. Das werden selbst die Spitzenschüler hier nicht schaffen, denkt sich der Autor dieses Testes und hofft insgeheim ein wenig auf Fehler. Okay, er war ein miserabler Mathe-Schüler. In der mündlichen Abitur-Prüfung legte er eine glatte Fünf minus hin, einen Punkt. „Aber die ist wirklich nicht einfach“, sagt selbst Frau Professor Schwank zu Aufgabe „QuaDiPF C17“, um nur Sekunden später in einem Meer von aufzeigenden Fingern unterzugehen. Sie warnt: „Wer sich meldet, wird auch drangenommen.“ Alle Finger bleiben oben. „QuaDiPF C17“ ist nicht zu schwer für die Ausnahmeschüler. Aber Frau Schwank will auch Begründungen für die Lösung. „Mein Lieblingswort-Fragewort lautet 'Warum'“, sagt sie. Aber warum das denn? „Weil es nur auf die Argumentation ankommt“, beeilt sich Elmar Cohors-Fresenborg. Der Mann weiß, wovon er spricht. Er ist einer der Autoren der PISA-Tests, die die deutschen Schüler international bereits im Jahr 2000 schlecht aussehen ließen. Im Dezember wurden nun die neuen Ergebnisse bekannt. Deutschland landete im Mittelfeld, in Mathematik auch nur auf Platz 19 im Ländervergleich. „Es wird vernichtend werden“, kündigte Professor Cohors-Fresenborg bereits lange Zeit vor Bekanntwerden an. Als er das sagte, zog er seine Mundwinkel weit auseinander. Es war kein Lächeln. Er sah aus, als ob er Schmerzen hätte. Der Grund für diese Schmerzen sind aber nicht die Schüler – es sind die Lehrer, sagte der Mathematiker. „Sie müssen besser werden“, fordert er. Deshalb will er Top-Pennäler.
Wer in dieser Woche zu der Akademie für Hochbegabte – ausgerichtet vom Institut für Kognitive Mathematik an der Uni Osnabrück – Vorurteile mitbringt, wird enttäuscht: Nicht spleenige, weltfremde Brillenträger, sondern nette junge Leute tagen dort. Es sind hübsche Mädchen da, die Jungs tragen coole Klamotten. Eine Teilnehmerin kam direkt vom Surfen vor Hawaii in das Kloster nach Ohrbeck.
„Hochbegabt – was heißt schon hochbegabt?!“, fragte Annemarie Holleczek aus Nürnberg. „Ich bin vielleicht ein guter Schüler“, gibt sich auch Jonas Fietz bescheiden. Fietz – schlechteste Note: eine Drei plus – ist der einzige Teilnehmer aus Osnabrück bei der Akademie, ein Heimspiel unter Gleichgesinnten. Die anderen kommen aus Karlsruhe, Dülmen oder Ostfriesland. Viele kennen sich von anderen Treffen Hochbegabter. Ein Auszug aus dem Pausendialog: Yulia aus Bonn: „Kennst du den?“ Martin aus Bielefeld: „Klar, ist in meiner Klasse.“ Martin zurück: „Und was ist mit ....?“ Yulia: „Türlich, das ist mein Ex-Freund.“ „Hier sind sie unter ihresgleichen“, sagt Prof. Dr. Christa Kaune, die die Sommerakademie gemeinsam mit Elmar Cohors-Fresenborg leitet. „In der Schule sind sie doch total unterfordert“, so die Mathematikerin. „Stimmt total“, sagt Jonas aus Osnabrück – und ist dabei nicht arrogant.
Andreas Gersters schlechteste Zeugnisnote sind zwölf Punkte in Deutsch. Der Abiturient ist sich noch nicht sicher, was er später machen will. Das geht hier vielen so: Einigen ist der Lehrer-Job zu muffig., anderen zu schlecht bezahlt. „Ich kann nicht mit Kindern umgehen“, will ein Mädchen von sich wissen. Andreas Gerster kann sich einen Job in der Forschung vorstellen, vielleicht an der Uni, vielleicht aber auch in einem großen Konzern. Es hebt seinen linken Arm und legt ihn in den Nacken. Jetzt überlegt er. Dann pustet er einmal kurz die Luft heraus. Und sagt etwas leise: „Vielleicht werde ich ja doch noch Lehrer ...“ Professor Elmar Cohors-Fresenborg wird dann ganz breit lächeln. Es werden keine Schmerzen sein.

Text Christian Wiermer


Neue Osnabrücker Zeitung vom 4. 9. 2004:


"QUA DIPF C17": Prof. Dr. Karin Schwank konnte die schwierigsten Aufgaben mit den kompliziertesten Namen stellen - trotzdem. Die Hochbegabten knackten sie. Foto: Jörn Martens

Wenn diese Pennäler Pauker werden ...
Mathe-Akademie wirbt Hochbegabte für den Lehrer-Beruf
Von Christian Wiermer

Osnabrück/Georgsmarienhütte
Wenn der Professor ein Wort besonders betonen will, dann legt er Daumen und Zeigefinger zusammen, als ob er ein Kreidestück hielte. Dann spitzt er die Lippen. In diesem Moment heißt das Wort: „Qualität“. Elmar Cohors-Fresenborg spricht es aus, und setzt ein breites Lächeln auf. Er meint: Qualität der Lehrer. Es gibt zu wenig gute von ihnen, sagt der Mathematiker. Deswegen will er in fünf Tagen 24 absolute Spitzenschüler aus ganz Deutschland für den Pädagogen-Job begeistern.

Haus Ohrbeck, Holzhausen, 14.41 Uhr. „Bis gleich“, verabschiedet Cohors-Fresenborg die Schüler zur Kaffeepause. Eigentlich sollte sie nur 30 Minuten gehen. Der Professor hat aber überzogen. Jetzt bleiben noch 19. „Wir haben Ansprüche“, sagt der Professor. Die Pennäler haben Kaffee und Kuchen nach elf Minuten auf. Sie nehmen ihre Plätze ein.
Es geht weiter: Frau Prof. Dr. Inge Schwank referiert zum Thema „Funktionales versus prädikatives Denken“. Frau Schwank hat Aufgaben mitgebracht. Nur wenige der Schüler haben eine Note schlechter als „zwei“. Manch Zeugnis ziert ausschließlich Einsen.
„Aber die ist wirklich nicht einfach“, sagt selbst Frau Prof. Schwank zur gestellten Aufgabe, um nur Sekunden später in einem Meer von aufzeigenden Findern unterzugehen. Sie warnt: „Wer sich meldet, wird auch bestimmt drangenommen.“ Alle Finger bleiben oben.
„Qua DIPF C17“ ist nicht zu schwer für die Ausnahmeschüler. Aber Frau Schwank will auch Begründungen für die Lösung. „Mein Lieblings-Fragewort lautet Warum“ Warum das denn? „Weil es nur auf die Argumentation ankommt“, sagt Elmar Cohors-Fresenborg.
Wer in dieser Woche zur Sommerakademie des Instituts für Kognitive Mathematik an der Uni Osnabrück Vorurteile mitbringt, wird enttäuscht: Nicht spleenige, weltfremde Brillenträger, sondern nette junge Leute tagen dort. Es sind ausgesprochen hübsche Mädchen da, die Jungs tragen coole Klamotten. Eine Teilnehmerin kam direkt vom Surfen vor Hawaii nach Ohrbeck.
„Hochbegabt – was heißt schon hochbegabt?!“, fragt Annemarie Holleczek aus Nürnberg. „Ich bin vielleicht ein guter Schüler“, gibt sich auch Jonas Fietz bescheiden.
Carolinum-Schüler Fietz – schlechteste Note: eine „drei-plus“ – ist der einzige Osnabrücker bei der Sommerakademie. Die anderen kommen aus Karlsruhe, Dülmen oder Ostfriesland. Viele kennen sich von anderen Treffen Hochbegabter. Ein Auszug aus einem Pausendialog: Yulia aus Bonn: „Kennst du den?“ Martin aus Bielefeld: „Klar, ist in meiner Klasse.“ Martin zurück: „Und was ist mit ....?“ Yulia: „Türlich, das ist mein Ex-Freund.“
„Hier sind sie unter ihresgleichen“, sagt Prof. Dr. Christa Kaune, die die Sommerakademie gemeinsam mit Elmar-Cohors-Fresenborg leitet. „In der Schule sind sie doch total unterfordert“, so die Mathematikerin. „Stimmt total“, sagt Jonas aus Osnabrück – und ist dabei nicht arrogant.
Andreas Gersters schlechteste Zeugnisnote sind zwölf Punkte, eine Zwei plus in Deutsch. Der Abiturient ist sich noch nicht sicher, was er später machen will. Aber er sagt: „Vielleicht will ich ja nach der Sommerakademie Lehrer werden.“ Elmar Cohors-Fresenborg wird dann ganz breit lächeln.


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Letzte Änderung: 7. Septmeber 2004